Voluntariat am Horn Afrikas

Bericht von meinem Äthiopien Einsatz bei den Mutter Theresa Schwestern im Juli-August 2015.

Als ich mich vor einem halben Jahr bei missio gemeldet und für den Sozialeinsatz beworben habe hatte ich von Äthiopien nur wenig Wissen und noch weniger Vorstellungskraft wie es werden würde. Afrika – ein anderer Kontinent, anderes Klima, die vielen Krankheiten gegen die ich mich impfen lassen musste und eine ganz andere und fremde (Lebens-) Kultur – zur Vorfreude mischte sich etwas Bange. Trotz all der Vorbereitungen, des Einlesens und der Bilder – Äthiopien war anders. Als WesteuropäerIn kann man sich das denke ich nicht vorstellen – man muss es erleben: die warme Begrüßung Schulter berührt Schulter, die offenen Feuerstellen auch in den Städten, die kleinen Cafés mit niedrigen Hockern im Freien unter Bäumen, die überwältigende Tier- und Pflanzenwelt und vor allem die strahlenden Gesichter der Menschen. Außerdem riecht Äthiopien anders: süßlich, nach Erde, Kaffee und ein wenig nach Weihrauch.

Ich kam an einem Sonntag bei den Mutter Theresa Schwestern in Addis Abeba an – wahrscheinlich war deswegen nicht so viel auf den Straßen los wie sonst, aber ich war sehr überrascht wie kalt und regnerisch das Wetter war: immerhin liegt Addis auf 2500 m Seehöhe und ist die dritthöchstgelegen Hauptstadt der Welt und in Juli August ist Regenzeit! Nach schon einem Tag ging es für mich aber ohnehin weiter in den warmen Süden nach Awassa, das im rift valley, dem Afrikanischen Grabenbruch an einem See liegt. Die Schwestern empfingen mich freundlich und die zweite Voluntärin die mit mir im Compound war zeigte mir das Areal und die Umgebung. Es war gerade am Anfang schon sehr angenehm für mich nicht alleine zu sein – vor allem, da es in Awassa kaum andere Weiße gibt und wir sehr häufig angeredet wurden.

Mit dem Tagesablauf im Compound war ich sehr schnell vertraut, denn obwohl jeder Tag anders war und Überraschungen breit hielt gibt es eine starke Routine. Um 6.30 ist die Morgenmesse, danach Frühstück und von 8.30-12.00 Uhr arbeitete ich dann auf den Stationen oder wo auch immer ich gebraucht wurde. Um 12.45 Uhr bekamen wir das Mittagessen und nach einer ausgiebigen Siesta ging es um 15.00 Uhr weiter bis 17.30. Von 18.00 bis 19.30 Uhr fanden Abendgebet und Anbetung statt. Danach um ca. 20.00 Uhr werden die Wachhunde auf dem Compound frei gelassen und wir wollten danach nicht mehr hinausgehen. Man muss an den Gebeten nicht teilnehmen, aber mir gaben die Gebetszeiten Raum und Zeit das Erlebte vor Gott zu bringen und in mir selbst zu verarbeiten. Außerdem lernt man auch dadurch das Arbeits- und Gebetsleben der Schwestern kennen und ein wenig verstehen. Wenn das auch nach einem straffen Tagesablauf klingt – dazwischen bliebt genug Zeit kleine Besorgungen zu machen, in das Internetcafé und vor allem hinunter zum Vulkansee zu gehen, der nur ein paar Schritte von der Station entfernt liegt und ein wahres Naturparadies ist: Seeadler, Papageien, Tukane, Pelikane, Marabus und vor allem die Nilpferde! Vor allem in der auf- oder untergehenden Sonne fühlten wir uns wie in einem Paradies.

Doch zurück zur Arbeit und den Menschen im Compound: Da ich keinen medizinsichen Beruf habe und keine Vorbildung in der Pflege von Menschen waren meine Tätigkeiten sehr unterschiedlich. Das war zum einen toll, weil ich sehr viel Verschiedenes machen konnte, zum anderen aber auch manchmal anstrengend, weil ich mir die Arbeit oft „suchen“ musst. Aber wenn man den Tagesablauf und die „Worker“ kennt und ein wenig kreativ ist findet sich immer sinnvolle Arbeit im Compound. Eine meiner Hauptaufgaben war das Schneiden von Finger- und Zehennägeln – eine tolle Aufgabe weil man mit so vielen Menschen so Nahe in Kontakt ist: vom alten blinden Mann bis zur Mutter mit ihrem Baby kamen alle zu mir. Da die ÄthiopierInnen mit den Händen Essen sind geschnittene Fingernägel sehr wichtig für die Hygiene. Eindrucksvoll war auch, als ich bei der Lebensmittelausgabe helfen durfte: Spalterbsen, Bulgur und Öl – dafür stellten sich die Menschen stundenlang an: Blinde, Lahme, Mütter mit Kindern und Alte – reich beladen gingen sie mit den Lebensmitteln wieder nach Hause. Eine weitere und wunderschöne Aufgabe war nicht nur die Hilfe bei der Betreuung der unter- und fehlernährten Kinder sondern auch das Spielen mit ihnen: Ball, Fadenspiele, Tempelhüpfen… wobei sie auch begeistert beim Lernen Englischer Wörter dabei waren – was mir so einfiel spielten sie begeistert mit und es war so schön, wenn sie mir entgegenliefen wenn ich auf die Station kam. Auf der Station mit den Müttern mit den Neugeborenen startete ich einen Nähworkshop da ich feststellte, dass viele der noch selbst jungen Mütter selbst die einfachsten Nähstiche nicht beherrschen. Vom Kinderstrampler zum Rock nähten, stopften und reparierten wir gemeinsam alles und hatten dabei auch viel Spaß. Im gemeinsamen Tun lernten wir einander kennen und schätzen aber auch gemeinsam lachen, selbst wenn man nicht die gleiche Sprache spricht. Und als ich beim Gehen umarmt und gedrückt und in einem Fall sogar gesegnet wurde spürte ich, dass diese Begegnungen und Menschen nicht nur für mich ein Geschenk waren.

„War es nicht unglaublich schwer das ganze Leid und die Armut zu sehen?“ fragten mich Freunde nach meiner Rückkunft in Europa. Es ist eine ganz andere Welt in Äthiopien und man kann sie, so finde ich, nicht mit unserer vergleichen. Natürlich war ich berührt von der Armut vieler Menschen, ihrer Lebensverhältnisse in den Rundhütten und gemeinsam mit den Tieren aber auch von ihre Tapferkeit bei manchen Schicksalsschlägen und Krankheiten von denen wir hörten oder die wir sahen. Aber schwer – nein, schwer war es nicht weil die Menschen trotz allem lachen und meist positiv sind. Sie können es unglaublich gut, das Beste aus einer Situation machen oder mit wenig Mitteln trotzdem zum Ziel kommen. Sie haben ein unglaublich großes Sozial- und Gemeinschaftsgefühl, von dem wir in Europa viel lernen können. Worüber ich sehr überrascht war ist die schlechte Infrastruktur: auch wenn vor von Addis weggehend gute Straßen gebaut werden ist die große Masse der Bevölkerung, vor allem am Land, weit weg von Straßen, Strom, Fließwasser und Kanalisation. Auch wenn ich davon wenig gespürt und noch weniger gehört habe eine echte demokratische Mitbestimmung der Bürger scheint es noch nicht zu geben. Auf der anderen Seite sieht man in großen Teilen des Landes Bautätigkeiten und Entwicklung, Bildung hat einen sehr hohen Stellenwert in der Politik und mit dem Besuch Barack Obamas in Addis während meines Aufenthaltes wurden große Hoffnungen auf wirtschaftliche Investitionen in das Land verbunden.Mit vielen wunderschönen Erlebnissen und Eindrücken bin ich zurückgekehrt aus einer doch etwas anderen Welt – doch ich komme wieder. In dieses wunderbare Natur, der beeindruckenden Jahrtausendealten christlichen Kultur und vor allem zu den Menschen.

Theresa Stampler, 2015