„Triff (d)einen Engel"

„Triff (d)einen Engel"

Abriss über Engel und ihre Geschichte und Interview mit der Kirchen-Zeitung Linz zu musizierenden Engeln.

In der Zeit des Frühchristentums, in byzantinischen und ottonischen Darstellungen sind Engel meist als Jünglinge oder junge Männer in weißen Tuniken oder liturgischer Kleidung, mit oder ohne Flügeln im Lichtglanz dargestellt. Ab dem 12. Jahrhundert werden in modischen, höfischen Kleidern, in liturgischen Gewändern oder wie Michael in Ritterrüstung dargestellt. Ihre Funktionen sind zumeist die des Boten, des Kriegers bzw. Wächters, als Beweger der Himmelsphären, Begleiter der Evangelisten, Kirchenväter und Heiligen, im gottesdienstlichen Dienst auch als Ministranten, Ostarier, Akoluthen oder auch als Sänger. Als Sänger üben Sie hier eine ganz spezifische Funktion im Dienst Gottes aus und ist eingereiht in die Hierarchie und den Kanon der Engel, die den Himmlischen „Hofstaat“ bilden und die Sphäre des Heiligen verbildlichen. Als Begleiter der Menschen bildet er hier die Brücke zwischen den beiden Sphären.

Erst im späten Mittelalter kommt ein weiterer Engeltypus hinzu: der Kinderengel. Dahinter stehen mehrere theologische Beweggründe: das kindhafte steht für die Unbefangenheit und „simplicitas“, für die Gotteskindschaft oder Alterslosigkeit der Engel. Es gibt darunter auch Engel, die nicht einmal mehr dienstbare Funktionen einnehmen, sondern in Anschauung oder völlig gelösten Dasein vor Gott versunken sind. Dennoch entbehrt dieser Engeltypus jeder differenzierten Individualität und macht sie gerade dadurch frei von menschlichen Nöten und zu Symbolen für die göttliche Einfachheit. Die Nacktheit spiegelt die Anspruchslosigkeit, Freiheit von menschlichen Nöten und Alter und die reine Schönheit (wie Kinder) wieder, die Abglanz der geistig-spirituellen Schönheit ist. Die körperliche Erscheinung des nackten Kinderengels verweist in vielerlei Ebenen auf Unsichtbares. Die Herkunft des Typus liegt bei den in der Renaissance wiederentdeckten antiken Eroten- Genien- und Amordarstellungen. Die Verkleinerung der Engel ist zudem eine Verniedlichung der in Bibel und Frühchristentum betonten Engelswürde der zumeist das Erschrecken oder die Ehrfurcht der Menschen folgt.
In der Renaissance kommt als weiterer Aspekt des Engels das Anteil nehmen an menschlichen Gefühlen hinzu: sie beweinen Christus, umarmen Märtyrer. In der Renaissance werden Engel auch als liebliche Mädchen oder androgyne Wesen dargestellt.
Im Barock werden sie von Anteilnehmenden Wesen zu Begleitern des Menschen – der Schutzengeltypus ist geboren.
Im 19. Jahrhundert wird das Engel-Spektrum nocheinmal erweitert: durch Rückgriffe auf Mittelalter und Renaissance werden die Engel bei den Symbolisten nun auch zu Personifikationen menschlicher Gefühle. Sie sind noch in menschlicher Gestalt werden aber von Gestalten des Glaubens zum Kulturgut in Schutz-, Friedens- und Totenengeln profanisiert.
Im 20. Jahrhundert gibt es eine reiche Auseinandersetzung mit Engeln in vielen Sparten: Paul Klee, Walter Benjamin, Max Ernst, Ernst Bloch Joseph Beuys u.a. lösen sowohl die traditionelle als auch verbindliche Ikonographie auf und vielfältige Bezüge zu Individuum, Gesellschaft und Geschichte dar und führen starke psychologische Bezüge ein. Zu den künstlerischen Auseinandersetzungen kommt Engels-Präsenz in Medien und Werbung. In
Spielfilmen wird dabei fast ausschließlich auf klassische Ikonographie zurückgegriffen. In der Werbung werden Engel verharmlost, ihrer Funktionen entkleidet und profanisiert und dienen einzig atmosphärischen Einkaufszwecken. Er steht in einer Zeit, in der Gott in der Welt nicht mehr selbstverständlich präsent ist als Chiffre für Religiöses.

Schriftliches Interview mit Elisabeth Leitner (Kirchenzeitung Linz):

L: Welche Instrumente spielen Engel und warum?
S: Der Einklang der Musik in der sonoren Vielfalt symbolisisert die göttliche Harmonie des ganzen Kosmos. Musizierende Engel werden sowohl als „himmlischer Hofstaat“ der Gott preist und eine Sphäre des Göttlichen (im Himmel oder um die Krippe Jesu…) dargestellt, als auch als Liturgen (Musik im Dienste Gottes, barockes „himmlisches Theater“), als auch als Begleiter des Menschen- sie trösten den Menschen und vermitteln ihm Gottes tröstende Nähe und vermitteln seine Botschaft).
In der Frühkirche und in byzantinischen Darstellung sind Engel mit dem Instrument ihrer Stimmen dargestellt. Engelschöre die Gott preisen sind sowohl biblisch belegt als auch durch die ganze Geschichte bis hinauf ins 20 Jahrhundert präsent. Instrumente galten über lange Zeit der Ausdruckskraft des Gesanges unterlegen. Ab dem 13/14. Jahrhundert entstanden aber die ersten Darstellungen von musizierenden Engeln, als musizierende der Sphärenmusik oder als Gesangsbegleiter. Die Instrumente beinhalten dabei eine dichte Symbolkraft: Posaunen und andere Blasinstrumente stehen für die Macht Gottes (Positiv wie zerstörerisch, in der Offenbarung des Johannes wird Gottes Stimme wie eine Posaune tönend beschrieben, im Alten Testament erinnern sie an den Bund mit – Schofarhorn), bei den Wächterengeln dienen sie als Signalinstrumente. Flöten stehen für die einfachen Instrumente der Hirten und sind schon seit der Antike sind Flöten Attribute von Halbgöttern und ihr Spiel wird als göttlich und nicht von Menschen nachahmbar beschrieben. Saiteninstrumente bezeichnen die Manifestation des Göttlichen (die Saitenzahlen der Streichinstrumente haben oft symbolische Bedeutung, Streichinstrumente wie die Geige symbolisieren die heilende Kraft himmlischer Musik. Zither und Harfe werden mit König David und den Psalmen assoziiert und symbolisieren die göttliche Inspiration des Menschen). Spannend ist das Instrument der Engelstrompete (Trumscheit, Marientrompete, Marinetrompete- Siganlinstrument in der englischen Marine), einem trapezförmigen Streichinstrument das mit kleinem gekrümmten Bogen gespielt wird und angeblich von Nonnen in Ermangelung männlicher Chorstimmen erfunden wurde. Schlaginstrumente wie die Zimbeln dagegen stehen eher für profane Musik, werden aber gerne als dekorative Elemente verwendet. Tanz

 L: Was können wir von musizierenden Engeln lernen, welche anderen Dimensionen des Menschseins bringen sie zum Klingen?
S: Engel sind in den meisten Darstellungen Vermittler zwischen zwei Sphären, so auch die musizierenden Engel. Sie bringen in ihrer Musik Dimensionen der Botschaft Gottes auf andere Weise zum Ausdruck. Für viele Menschen ist genau das in Musik auch spürbar: wenn Musik die Zuhörenden berührt blitzt in ihr etwas von der Größe und Herrlichkeit Gottes auf. Der Mensch kann aus dem Alltag erhoben werden und in sich selbst das Göttliche spüren. Auch das Gefühl in etwas Größeren Aufzugehen, in einer Harmonie mit der Welt herum aber auch darüber hinaus, einer große Verwöhntheit kann sich einstellen, Ängste und Vorurteile überwunden werden. Das führt Daniel Baremboim mit seinem Orchester des West-östlichen Diwans mit Musikern aus Israel und Palästina in die Realität über.
Musizierende Engel sind sehr oft Engel die in einem Dienst stehen. In byzantinischer Zeit ist das Gottesdienst, der Lob Gottes, Dienst in seinem Hofstaat oder als dienstbare „Geister“ in Gottesdiensten. Gerade in der Barockzeit werden musizierende Engel aber auch als Begleiter von Menschen dargestellt, die Menschen trösten, ihnen durch die Musik Trost zusprechen, sie stärken oder eben auch den Menschen „in die richtige Stimmung“ zu versetzen (vom „Fürchte dich nicht“ zur gefährlichen Macht Gottes die die Posaunenengel verkünden). So funktioniert auch die von Menschen komponierte Musik zur Ehre Gottes. Ich denke hier vor allem an das Oratorium „Elias“ von Mendelsohn Bartholdy: sowohl an die musikalische Beschreibung der Not der Menschen und ihrer Hilfeschreie zu Gott, als auch auf die so erhebende tröstende Zusage zu den Menschen im Engelsterzett „Hebe deine Augen auf“ und nicht zuletzt in der zutiefst bewegenden Schilderung Gottes im leisen Säulen des Windes. So steht Musik auch im Dienst Botschaft Gottes, die so ganz anders als heilende Zusage verstanden und erlebt, gespürt werden kann.
Seit dem Spätmittelalter entstehen Engel in Kindergestalt, wie sie dann für den Barock so typisch werden. Auch die musizierenden Engel sind oft weniger in dienenden Rollen als Teil des „Himmlischen Gewimmels“. In einer göttlichen Freude und oft in sich selbst versunken aus sich heraus strahlenden bilden Sie die Kulisse des Himmlischen. In der Nacktheit, die die Anspruchsigkeit und Freiheit von irdischen Zwängen widerspiegelt, ohne Geschlechtlichkeit und in gelöster Lebendigkeit und Leichtigkeit stehen sie für das was man „Simplicitas“ nennt, einfaches Sein vor Gott wie spielende Kinder. Sie ruhen in sich, bar jeder Konflikte, Machtansprüche, Eitelkeiten und Ehrgeizes. Sie können in Ihrem zwecklosen Tun und Spielen vor Gott aus und in ihrer großen unbefangenen Freude Vor- und Gegenbilder für unsere verzweckte Welt darstellen. Diese Engel singen nicht nur, oder spielen nicht nur, nein, sie sind ganz Gesang und Spiel, sie gehen ganz darin auf. Ja, selbst das Ekstatische (Erinnerung an die antiken Erotensdarstellungen aus denen die Kinderengel entspringen) ist in diesem Sinne zu lesen: in dem spontanen Ausdrücken der Freude, in unbefangenem Tanz und erfüllten Musizieren vollzieht sich ein zutiefst authentischer Lobpreis Gottes, wie es beim Tanzen des David vor der Bundeslade (2 Sam. 6) zum Ausdruck kommt. Der Mensch darf, nein er soll sein wie er ist. Die Frau des David empfindet diesen Tanz als zutiefst peinlich und rügt ihren Mann, dass er sich als König vor dem ganzen Volk im Tanzen vor der Lade lächerlich macht. Er ist ganz Tanzen und Lobpreis, achtet nicht auf die Urteile und Meinungen der Anderen, nicht mal die seiner Familie. Sie blieb unfruchtbar, erzählt die Bibel nur nüchtern über Davids Frau. Wenn wir uns ganz und voll vollziehen, nicht in Sorgen um Arbeit, Prestige, Ruf und im Erfüllen von Erwartungen feststecken, oder drei Dinge gleichzeitig erledigen, können wir Mensch über uns hinaus erhoben werden (in Musik, Tanz, Singen, Malen…) und für uns und andere fruchtbar werden. 

L: Wieso haben Engel in der Zeit des Barock so eine Bedeutung
S: Im Barock, dem Zeitalter der Gegenreformationen wurden Kirchen zu Orten, wo die Größe und Macht Gottes und der katholischen Kirche als einzig wahrer Mittlerin verkörpert wurden. Die Engel in ihren vielfältigen Rollen und Funktionen sind dabei wichtige Teile des „himmlischen Theaters“. Die Verteilung und Bedeutung von Engeln in der vertikalen Verteilung in Barockkirchen spricht dabei für sich. Sie sind Zeichen für die Sphäre des Himmlischen/Göttlichen (in Deckengemälden…), durch ihre Vielzahl wird die Vielfalt und Vielstimmigkeit des Lobes Gottes zum Ausdruck gebracht. Sie sind Mittler, weisen auf das Göttliche hin, vermitteln es zu den Menschen: zum einen werden immer mehr Engel je näher wir in der Kirche an die wesentliche Darstellungen/Orte kommen, zum anderen ziehen sie z.B. (wie im Alten Dom) Vorhänge zur Seite um das Allerheiligste zu präsentieren. Sie nehmen für die Menschen Stellvertreterpositionen ein, wenn sie um den Tabernakel Opfer und Heiligungsdienst vollziehen (Ursulinenkirche). Können aber auch in späterer Zeit Personifikationen für Tugenden und menschliche Gefühle werden. 

L: Welcher Engel spricht dich besonders an?
S: Der Schellenengel von Paul Klee



Berichte zur Führung „Triff (d)einen Engel":
https://www.dioezese-linz.at/portal/zu/engel/hoehenrausch/angebot/article/53071.html
http://www.kirchenzeitung.at/site/archiv/article/2849.html