Durch die Wogen der Familie navigieren: „Family Matters“

Durch die Wogen der Familie navigieren: „Family Matters“

Von Oktober 2019 bis September 2020 widmet sich das Dom Museum Wien mit der Ausstellung „Family Matters“ dem Thema Familie – in religiösem wie profanem Kontext – durch die Geschichte bis in die Gegenwart.

 

Wir sehen ein kleines Mädchen, das – den BetrachterInnen den Rücken zugewandt – ein Boot lenkt. Vor ihm türmen sich Menschen in unterschiedlicher Größe und mit ausdrucksstarken Gesichtern wie Wellen, durch die sie zu navigieren hat. Die großformatige, in grellen Farben gehaltene Farbstiftzeichnung der Künstlerin Uli Aigner gehört zum letzten Raum der Ausstellung, der unter dem Thema „Erinnerungen und Träume“ steht.

 

Wie schon die vergangenen Ausstellungen arbeitet auch diese von der Direktorin des Dom Museums Johanna Schwanberg kuratierte und von Christian Sturminger gestaltete Schau mit Themenräumen: Gesellschaft und Wandel, Beziehung und Emotionen, Privater und öffentlicher Raum und –  bereits erwähnt – Erinnerungen und Träume. Familie als innerster Zirkel von Beziehung wird dabei in vielfältigen Dimensionen berührt: religiös über vielfältige Muttergottes-Darstellungen, aber auch Josef mit dem Jesusknaben, einzeln wie auch als Familie oder mit der ganzen „heiligen Sippe“. Daneben wird vor allem im Raum „Gesellschaft und Wandel“ in attraktiver barocker Hängung ein Potpourri von Familien-Darstellungen durch die Kunstgeschichte gezeigt. Dem gegenüber gestellt ist die großformatige Reihe „familia“: 12 großformatige Foto-Arbeiten, in denen die Künstlerin Katharina Mayer seit 2000 verschiedene Familien, wie sie sich in ihrem privaten Umfeld präsentieren, fotografiert hat.

 

Die Skulptur „Woman and Child“ zeigt eine ältere Frau mit geschlossenen Augen im Nachthemd, die einen nackten Säugling hält: friedlich und von einer zärtlichen Aura umgeben, aber ob der ungewohnt großen Intimität auch irritierend. Verstärkt wird diese Ambivalenz durch die Aufstellung: Die vom australischen Künstler Sam Jinks geschaffene realistische Skulptur aus Silikon, Seide und menschlichen Haaren wird der Statue der Thernberger Madonna, die ihr Kind präsentiert (um 1320), gegenübergestellt. Weitere historische Darstellungen von Vätern mit ihren Kindern stellen die Frage der zur Schau gestellten, ungewohnten Intimität zwischen Generationen in einen historischen Kontext.

 

Arbeiten von Maria Lassnig, Käthe Kollwitz sowie von den zeitgenössischen Künstlerinnen Annegret Soltau und Iris Legendre widmen sich dem Thema des Schmerzes und der Gewalt in der Familie. Die Alltäglichkeit von (Über-)Forderung als Mutter, die Nähe zu sublimer Aggression, das Ringen um Rollenbilder und Familienidylle sprechen aus der Arbeit der 1970 geborenen Künstlerin Judith Samen. Die in eine Hausschürze gekleidete und vor holländischen Kacheln stehende Künstlerin hat ein nacktes Kind mit dem Gesäß zum Betrachter unter den linken Arm geklemmt, während sie mit der rechten Hand ein Messer hält und einen Laib Brot zu schneiden versucht. Die Ähnlichkeit des Brotlaibes mit dem Kinderkörper, die kleinbürgerliche Atmosphäre und das Messer regen zu vielfältigen Assoziationen ein.

 

Ebenfalls mit dem Thema der scheinbar heilen Familie, jedoch humorvoll, geht Weronika Gesicka in ihren Arbeiten „Traces“ um: Sie verfremdet Familien-Fotografien aus den 1950er und 1960er-Jahren. Verarbeitung, Wunsch oder Sehnsucht: als einer der wenigen Männer lässt Neo Rauch in seiner Arbeit „Vater“ in die Traumwelt seiner Familienbande blicken. Das genaue Gegenteil stellen die Arbeiten von Elinor Carucci, die über die Räume verteilt sind, dar: Die in New York lebende Künstlerin dokumentierte fotographisch von 2004 bis 2012 Alltagsszenen mit ihren Zwillingen auf eine künstlerisch wie menschlich überzeugende Weise.

 

Die Ausstellung „Family Matters“ sammelt eine Fülle verschiedener Themen, wandert durch die Jahrhunderte und mäandert zwischen der deskriptiven Darstellung der Familien-Typen in Kunst wie Realität und psychologischen Erkundungen. Durch die Fülle wirkt die Schau jedoch eher beschreibend als berührend und mehr dokumentierend als irritierend und verstörend. So sehr die vorangegangene Ausstellung „Zeig mir deine Wunde“ unter die Haut ging, bleibt „Family Matters“ eher an der Oberfläche, ohne konventionelle Grenzen aufzubrechen und in Frage zu stellen.

 

Theresa Stampler

Ausstellung „Family Matters“

Dom Museum I Wien

Stephansplatz 6, 1010 Wien

4. Oktober 2019 bis 30. August 2020



Foto: Samen_Brotschneiden.jpg
Judith Samen, o.T. (Brotschneiden), 1997
Judith Samen, Bildrecht Wien, 2019.
Foto: Achim Kukulies