„Du selbst wirst uns die Tränen abwischen“

„Du selbst wirst uns die Tränen abwischen“

Predigt zu Offb 21,1-5 beim Gedenk-Gottesdienst im Hospiz am 30. Oktober 2018

Liebe Angehörige, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Leitende der CS,

„Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.“ Eine intime, tröstliche kleine Geste inmitten großer Bilder. Gott der uns gegenüber tritt, vor dem wir weinen dürfen und der uns die Tränen abwischt.

Viele von Ihnen, die heute hier zusammengekommen sind, haben in den letzten Wochen und Monaten viele Tränen vergossen – während des langen Begleitens durch die Krankheit – in den Tagen und Stunden des Abschied-Nehmens und dann am Grab, als Sie sich verabschiedet haben. Sie haben gemeinsam geweint – mit dem Ihnen so lieben kranken Menschen gemeinsam und auch mit Freunden und der Familie. Und auch alleine und im Geheimen. Leise, stille Tränen oder auch laute, verzweifeltes Schluchzen, wenn die grausame Wahrheit des Verlustes wieder ins Bewusstsein kam.
Vielleicht waren auch Tränen der Erleichterung dabei, dass das Leid jetzt vorbei ist.
Und Tränen der Verzweiflung: wie soll es jetzt weitergehen?
Tränen des großen Schmerzes und des Vermissens.
Tränen um alles Versäumte, das Sie noch aussprechen und gemeinsam erleben wollten.
Tränen, die nicht aufhören wollen zu fließen.
Und vielleicht spüren sie auch ungeweinte Tränen in sich.
Ein Ihnen lieber Mensch ist verstorben, er ist nicht mehr, er fehlt – und dieses Fehlen tut weh.  Alles ist schmerzhaft neu und anders geworden mit dem Tod. Das Leben ist stehen geblieben und die Tränen kommen weiterhin. Tränen sind eine Sprache unserer Seele – sie sprechen das Leid und den Schmerz aus, sie erzählen von der Liebe zu unseren Verstorbenen, sie sind ein Zeichen für unsere große und anhaltende Verbundenheit mit ihnen. Tränen kommen, wenn die Erinnerung an die Verstorbenen lebendig bleibt. Tränen halten uns lebendig – auch und gerade in der Erstarrung des Schmerzes und in der Versteinerung des Verlustes.

Der Text den wir gehört haben spricht in gewaltigen Bildern von einer großen Verheißung: Alles wird neu werden; Tod, Trauer und Klage werden nicht mehr sein; wir werden eine Gemeinschaft sein und Gottes Nähe und Zuneigung bei uns spüren. Eine Vision, die weit weg ist, vielleicht auch überfordert. Vielleicht spüren Sie jetzt alles andere als Gottes Nähe und Zuneigung und eine Gemeinschaft mit Ihrem / Ihrer Angehörigen. Und die Tränen, die sie weinen, können noch nicht abgewischt werden. „Alles ist anders geworden“ durch den Verlust des Angehörigen, die Welt hat sich für Sie radikal verändert.
Johannes‘ Vision spricht von der Hoffnung auf eine neue Welt. „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.“, heißt es. Sie kennen das Gefühl, dass alles neu ist – schmerzhaft anders, weil jemand fehlt – ein Ihnen naher Mensch. Die Welt wird nie mehr so sein, wie sie war – sie kann nicht repariert oder wiederhergestellt werden. Ein Mensch ist von Ihnen gegangen und sie wissen, so wie die Beziehung zu ihm / zu ihr war, wird sie nicht mehr werden. Aber dass eine Beziehung weiterhin da ist, das spüren wir, und deswegen sind wir heute hier zusammengekommen.

„Gott macht eine neue Welt“ – heißt es. Vielleicht wird diese neue Welt schon jetzt erahnbar: Wenn im Dunkel schwerer Situationen manchmal dennoch ein getragen Sein spürbar wird. Wenn zu dem hadernden Fragen „Warum“ ein zuversichtliches „Es wird gut“ dazu kommt. Wenn beim verzweifelten, einsamen Weinen ein tröstender Arm da ist, der mich hält.

Diese neue Welt ist uns zugesagt, auf sie dürfen wir hoffen. Für manche mag diese Welt noch nicht spürbar sein, die Dunkelheit ist noch bedrückend eng und … Und vielleicht spüren Sie sie jetzt schon manchmal, eine Welt, in der die Tränen abgewischt werden können, in denen Gottes Trost da ist und die Beziehung zu Ihren lieben Verstorbenen tröstlich neu geworden ist.



Theresa Stampler