„Die neuen Werke der Barmherzigkeit“

„Die neuen Werke der Barmherzigkeit“

Predigt zu Mt 25,31.34-40 und anlässlich der Kunstinstallation im Gottesdienstraum der Katholischen Hochschulgemeinde Linz "kunstzeit 26: Josef Linschinger codiert die neuen Werke der Barmherzigkeit"

Die „Werke der Barmherzigkeit“ sind wahrscheinlich den meisten  vertraut – sie gehören zum Repertoire christlicher Nächstenliebe: Bedürftigen Nahrungsmittel, Kleidung und Quartier geben, Fremde aufnehmen, Gefangene besuchen und Traurige trösten. Angesichts der vielen bedürftigen Flüchtlinge die im vergangenen Jahr durch das Land zogen oder hier geblieben sind, haben sich viele Menschen genau dieser Werke besonnen und spontan geholfen –ganz so wie wir sie auch aus dem Evangelientext gehört haben. Nahrungsmittel und Wasserflaschen wurden an den Bahnhöfen verteilt, Notbetten aufgestellt und Kleider verteilt. Der eine oder die andere hat sogar einen Asylsuchenden oder sogar eine ganze Familie zu Hause aufgenommen. Nun, ein halbes Jahr danach, hat sich wieder die Normalität eingestellt. Die Caritas und andere Hilfsorganisationen haben die Organisation der Hilfe für die vielen Menschen übernehmen und wir, die wir nicht SozialarbeiterInnen in der Flüchtlingsbetreuung sind, dürfen die „klassischen“ Werke der Barmherzigkeit wieder spendend delegieren.

Die Installation der dies-semestrigen „kunstzeit“, die wir heute hier im Raum der Stille vor uns sehen heißt „die neuen Werke der Barmherzigkeit“, codiert von Josef Linschinger. Die gelbe Folie über dem Lichtschlitz an der Stirnseite des Raumes lässt einen goldenen Streifen in den Raum fallen. Rechts und links davon sind jeweils ein großer mit Stoff bespannter Rahmen. Auf ihnen finden sich Strichcodes in verschiedenen Farben. Josef Linschinger ist Künstler der Konkreten Kunst oder auch Konkreten Poesie. Er übersetzt einen, in diesem Fall einen theologischen Inhalt in geometrisches System, gibt ihm eine neue Rhythmik, eine neue Ästhetik. Auf den ersten Blick ist der Inhalt nun nicht mehr lesbar,  er ist verschlüsselt. Mit Hilfe des kleinen Billets, das ihr später noch bekommt, könnt ihr sie dann entschlüsseln, wieder rückübersetzen sozusagen.

Ich höre dir zu, ich gehe ein Stück mit dir, ich rede gut über dich, ich bete für dich, ich teile mit dir, ich besuche dich, du gehörst dazu.

Hier auf der Leinwand stehen die vom Bischof von Erfurt, Dr. Joachim Wanke neu formulierten Werke der Barmherzigkeit, die Josef Linschinger in Strichcode-Form gebracht hat. Die klassischen Werke der Barmherzigkeit werden in unserem Sozialstaat zum Glück sehr oft von professionellen Stellen und Menschen übernommen. Bischof Wanke entschlüsselt mit seinen aktualisierten Werken der Barmherzigkeit  neue Notwendigkeiten von Menschen in der heutigen Welt. Diese Bedürfnisse sind nicht immer deutlich bemerkbar, nicht materiell offensichtlich. Doch sie sind genauso drängend und bedrückend – und sie begegnen uns im Alltag. Die Installation fordert uns auf, wie Josef Linschinger, selbst zu codieren: die Bedürfnisse der Menschen in unserem Umfeld zu decodieren, zu entdecken. Und die Formulierung von Bischof Wanke will uns Mut machen, die Sätze der Barmherzigkeit für uns selbst und unsere Mitmenschen neu zu formulieren.

Theresa Stampler, 2016